Mit Anke Koester, die seit 2009 das Amt für Schule und Bildung im Oberbergischen Kreis (OBK) leitet, geht im Sommer 2025 eine Mitbegründerin der Bildungsregion Oberberg in den Ruhestand. Wir führten mit Anke Koester, die bereits seit 1979 für den OBK in unterschiedlichen Verantwortungsbereichen tätig ist, ein Interview zu ihren langjährigen Erfahrungen und ihrer Perspektive auf die Entwicklung von Bildung in regionalen Bildungsnetzwerken.
Liebe Frau Koester, der OBK hat im Jahr 2009 die Kooperationsvereinbarung zur Gestaltung einer regionalen Bildungslandschaft mit den dreizehn Gemeinden des Kreises geschlossen. Sie waren damals schon beteiligt, sozusagen als „Frau der ersten Stunde“ – was war der Anlass für diese regionale Bildungslandschaft und welche Ziele haben Sie damals damit verbunden?
Die politische Entscheidung des Kreistages, mit dem Land NRW einen Kooperationsvertrag zur Entwicklung eines regionalen Bildungsnetzwerkes zu schließen, fiel fast zeitgleich mit meinem Wechsel in den Bereich von Schule und Bildung. Dadurch hatte ich die Gelegenheit, an der Ausgestaltung des Kooperationsvertrages, am Aufbau der Netzwerkstrukturen und auch an der Priorisierung von Themenfeldern von Anfang an verantwortlich mitzuarbeiten. Dabei konnte ich auch meine Erfahrungen aus der Perspektive des Wirtschaftsstandortes Oberberg mit in die Überlegungen einbringen. Unser tragender Leitgedanke damals war es, als Region gemeinsam mit dem Land für ein gutes, abgestimmtes und bedarfsgerechtes Bildungsangebot vor Ort Sorge zu tragen und dafür eng und koordiniert zusammenzuarbeiten.
Der Dreiklang unserer damaligen Zielsetzungen war:
- Die bestmögliche Förderung von Kindern und Jugendlichen zur Vermeidung von Brüchen in der Bildungsbiografie,
- die Etablierung verlässlicher, bedarfsgerechter und nachhaltiger Unterstützungs- und Angebotsstrukturen für die Arbeit in den Bildungseinrichtungen,
- sowie die Förderung von Bildungskarrieren zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit des Wohn- und Wirtschaftsstandortes Oberberg.
Diese Prinzipien sind auch heute noch die Basis unserer Netzwerkarbeit und das gemeinsame Interesse der daran Beteiligten.
Heute – mittlerweile 16 Jahre nach der Gründung – gibt es ein etabliertes Bildungsbüro als Geschäftsstelle des breit aufgestellten „Bildungsnetzwerks Oberberg“. Welche Meilensteine und Herausforderungen auf dem Weg dahin sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Gab es ein besonderes Highlight?
Von Anfang an bestand Einigkeit unter den Verantwortlichen, sich gemeinsam auf einige wenige, uns regional besonders wichtige Handlungsfelder zu konzentrieren und dort möglichst zügig nachhaltige Unterstützungs- und Angebotsstrukturen zu schaffen. Der Mehrwert von Netzwerkarbeit sollte so auch nach außen für alle sichtbar werden, nicht zuletzt, um sowohl die Schulen als auch möglichst viele weitere regionale Akteure für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Das ist uns auch gut gelungen, weil bei vielen außerschulischen Partnern damals schon die Türen für eine Zusammenarbeit weit offenstanden. So entstanden erste abgestimmte Angebote, wie das Ferienprogramm MINTeraktiv oder das Naturmobil der Biologischen Station für Grundschulen - beide sind bis heute fester Bestandteil unserer regionalen Angebotsstruktur.
Das Bildungsnetzwerk Oberberg ist seit Gründung in jeder Hinsicht gewachsen bzw. engmaschiger geworden. Meilensteine waren sicherlich die Gründung unseres zdi-Zentrums „investMINT Oberberg“ 2011 mit heute drei etablierten und gut besuchten Schüler:innenlaboren, die Konzeptionierung zur Einrichtung eines Kommunalen Integrationszentrums in 2013/14, der Start der Vorleseoffensive Oberberg in 2015, gefolgt von der Medieninitiative Oberberg in 2016 und der Gründung des regionalen BNE-Netzwerkes in 2017. Etwas ganz Besonders war sicherlich auch unsere Beteiligung am Bundesprogramm „Bildung integriert“ ab 2016.
Große Herausforderung der Netzwerkarbeit bleibt bis heute, das Netzwerk gut zu pflegen, den Dialog aufrechtzuerhalten und dabei ins gemeinsame und konkrete Handeln zu kommen – insbesondere bei knappen Ressourcen - um gezielt und bedarfsgerecht Machbares zu ermöglichen.
Seit 2015 gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Oberbergischen Kreis und der REAB NRW. Was möchten Sie uns im Rückblick auf diese gemeinsame Zeit mit auf den Weg geben?
Ja, vor allen Dingen ein dickes Dankeschön für die gute und für uns sehr fruchtbare Zusammenarbeit! Dank der professionellen Unterstützung durch die Transferagentur NRW, heute REAB NRW, konnten wir die Strukturen unseres regionalen Netzwerkes im Rahmen von „Bildung integriert“ nicht nur auf den frühkindlichen Bereich und die Weiterbildung – also entlang der gesamten Bildungskette ausweiten – sondern auch ein Bildungsmonitoring aufbauen und nachhaltig etablieren. In dieser Zeit haben wir unter Ihrer Moderation unsere Steuerungsstrukturen nochmals nachgeschärft und entschlackt.
Die Veranstaltungen der REAB NRW haben uns zudem in einen guten Austausch gebracht mit Akteuren, die in anderen Regionen mit gleichen oder ähnlichen Fragestellungen wie wir konfrontiert sind. Durch den Besuch der Entwicklungswerkstatt „Bildungsportale“ in 2023 haben wir zum Beispiel wertvolle Hinweise erhalten, die wir bei der aktuell geplanten Neugestaltung bzw. Weiterentwicklung unserer Homepage „Bildung in Oberberg“ berücksichtigen werden.
Derzeit profitieren wir von Ihrer Fach- und Prozessberatung bei unseren Überlegungen zur regionalen Fachkräfteversorgung der Sozial- und Gesundheitsberufe in den Kindertagesstätten. Das gibt uns viel Sicherheit in unserem Vorgehen. Gleichzeitig erhalten wir Impulse, um in unseren Netzwerkstrukturen selbst zu konkreten Handlungsansätzen zu kommen. Diese Angebote helfen uns, sowohl für die Professionalität und die Qualität unseres eigenen Handelns in der Moderation und Koordination des Netzwerkes als auch für die Erschließung von neuen Themen und Fragestellungen.
Mit Blick auf die Gestaltung von Bildung in „staatlich-kommunaler Verantwortungsgemeinschaft“, die in NRW durch die Bildungsnetzwerke befördert wird – was sind für Sie in den letzten Jahren entscheidende Entwicklungslinien gewesen, um auch in „disruptiven Zeiten“ (zum Beispiel Flucht, Pandemie, Digitalisierung, etc.) Kindern und Jugendlichen erfolgreiche Bildungsbiografien zu ermöglichen?
Unsere Lebenswelt und damit auch die von Kindern und Jugendlichen verändert sich immer schneller und wird zunehmend komplexer. Die von Ihnen beispielhaft genannten Entwicklungen und Ereignisse wirken sich stark auf die kindliche Entwicklung aus und haben Folgen: So berichten Kindertagesstätten und Schulen von zunehmend herausforderndem Verhalten in Form von Ängsten, Einsamkeit, Depression, Aggressivität. Gleichzeitig haben sie den Anspruch, die Kinder nicht nur in der aktuellen Situation angemessen zu begleiten, sondern sie möglichst gut auf eine Welt vorzubereiten, von der wir alle nicht wissen, wie sie aussehen wird. Das ist als Paket – auch gesellschaftlich – eine Herkulesaufgabe, die bestehende Systeme, aber auch einzelne Personen immer mehr überfordern.
Da ist es nochmals wichtiger, ein funktionierendes Netzwerk zu haben, um auf solche Herausforderungen gemeinsam zu reagieren. Durch diese Entwicklungen sind neue Themen und Inhalte neben die alten getreten. Wir arbeiten heute – auch als Erfahrung aus der Pandemie – zunehmend datenbasiert und mit kleinräumigen Kennzahlen. Das Angebotsportfolio im Netzwerk hat sich gegenüber den ersten Jahren deutlich erweitert. Wir setzen seit einigen Jahren schon verstärkt auf Beratungs-, Fortbildungs- oder Unterstützungsangebote für die Fachkräfte in den Einrichtungen, um sie im Umgang mit den beschriebenen Entwicklungen und Auffälligkeiten zu stärken.
Dazu ist das Bildungsbüro im guten und ständigen Kontakt mit den Familienberatungsstellen in der Region, der Suchtberatung oder auch der Kriminalprävention. Eine zentrale Funktion in der Systemunterstützung übernimmt auch unser Schulpsychologischer Dienst, unter anderem mit Coaching und Supervisionsangebote für Einzelpersonen, Teams und Schulleitungen. Entstanden ist zwischenzeitlich ein umfängliches Fortbildungsangebot für die Fachkräfte der Schulsozialarbeit. Nicht zuletzt entwickeln wir derzeit ein Qualifizierungsangebot für KiTa-Fachkräfte zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen und setzen verstärkt auf Elternarbeit.
Wenn Sie drei Wünsche für die Zukunft der Bildung in Oberberg frei hätten, welche wären das?
- Dass das Handlungsfeld der Demokratiebildung und Jugendpartizipation schnell an Fahrt gewinnt und die Mitwirkung von Jugendlichen zu einem festen und selbstverständlichen Bestandteil der Arbeit im Bildungsnetzwerk Oberberg wird. Denn junge Menschen sind unsere Zukunft.
- Dass der regionale Netzwerkgedanke in der oberbergischen Bildungslandschaft immer lebendig bleibt und ein gemeinsames Selbstverständnis von Verantwortung und guter und konstruktiver Zusammenarbeit das Handeln aller Beteiligten immer prägen wird. Gute Strukturen für sich alleine sind wichtig; einen echten Mehrwert haben sie aber erst durch die Menschen, die sie klug nutzen.
- Dass auf allen Ebenen (Bund, Land, Region) wirklich für eine ausreichende Finanzierung des Bildungsbereiches grundständig Sorge getragen wird und die notwendigen Ressourcen sowohl personell als auch sachlich nachhaltig zur Verfügung stehen. Denn die Investition in Bildung ist eine Investition in die Zukunft.
Liebe Frau Koester, vielen Dank für das Gespräch und Ihnen einen guten Start in die neue Lebensphase!