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„Bildung ist der zentrale Schlüssel für die Zukunft des Ruhrgebiets – das dürfen wir nicht vermasseln!“

Dr. Markus Küpker von RuhrFutur

Im Interview mit Dr. Markus Küpker von RuhrFutur

Dr. Markus Küpker ist Leiter des Programmbereichs Daten und Analyse bei der RuhrFutur gGmbH. Zusammen mit zahlreichen weiteren Autor:innen beschäftigte er sich ausführlich mit dem Bildungsgeschehen im Ruhrgebiet. Die REAB NRW sprach mit ihm über Bildung in der Metropole Ruhr, den aktuellen Herausforderungen, den Veränderungen zu den vergangenen Jahren und den Blick in die Zukunft.

 

Wie ist der Bericht entstanden und welche zentralen Erkenntnisse liefert der Bildungsbericht Ruhr 2024?

Mit dem Bildungsbericht Ruhr 2024 geben der Regionalverband Ruhr und RuhrFutur gemeinsam bereits zum dritten Mal eine städteübergreifende Analyse für das Ruhrgebiet heraus. In dieser Region lernen knapp 700.000 Schüler*innen, ca. 180.000 Studierende (ohne FernUniversität Hagen) und über 100.000 Auszubildende. Die Entstehung des Bildungsberichts 2024 hat große Wertschätzung und Unterstützung durch Kommunen, das Ruhrparlament und das Land erfahren. Wir hatten Zugang zu neuen Datenquellen und konnten insgesamt tiefere Einblicke in viele Bildungsbereiche für den größten Ballungsraum Deutschlands gewinnen. Es ist auch großartig zu sehen, dass der Bericht mittlerweile eine Gemeinschaftsaufgabe von über 200 Akteur:innen und Institutionen ist, die hier im Austausch, Diskussion und Entwicklung des Bildungsberichts Ruhr zusammengearbeitet haben.

Inhaltlich zeigt sich, dass sich zentrale Rahmenbedingungen seit dem letzten Bericht im Jahr 2020 im Ruhrgebiet wenig verändert haben. Es bleibt eine der ärmsten Regionen Deutschlands, mit hoher Kinderarmut, sozial segregierten Quartieren, laufendem Strukturwandel und sehr engen finanziellen Spielräumen der Kommunen. Der noch in den 1960er Jahren dominierende industrielle Sektor schrumpft weiter, während der Dienstleistungs- und Wissenschaftssektor wächst. Bildung ist entscheidend, um diesen tiefgreifenden Wandel gut zu bewältigen. Sicherlich gibt es bei einigen Parametern auch positive Entwicklungen: Beispielsweise hat sich die Frauenbeschäftigungsquote gegenüber 2020 leicht verbessert. Trotzdem bleibt das Ruhrgebiet oftmals hinter den Quoten anderer Regionen zurück. Insgesamt sehen wir, dass das Ruhrgebiet in Krisenzeiten schwerer getroffen wird und sich langsamer erholt. Für den Bildungsbereich zeigt sich aber vor allem, dass die Bildungsbeteiligung und der Kompetenzerwerb in der frühen Bildung und der schulischen Bildung Anlass zur Sorge geben.
 

Was genau bereitet Anlass zur Sorge?

Schauen wir zunächst auf den frühkindlichen Bereich. Einerseits wurde die Kita-Infrastruktur ausgebaut – allein seit 2020 sind 157 neue Kitas entstanden. Die Betreuungsquote der unter Dreijährigen stieg. Andererseits sank die Betreuungsquote der 3- bis 6-Jährigen deutlich. Hier wurden die Bemühungen der Kommunen durch das Bevölkerungswachstum in der Altersgruppe überkompensiert. Dramatisch ist vor allem ein deutlicher Anstieg der Zahl der unbetreuten Fünfjährigen, weil wir davon ausgehen müssen, dass eine wachsende Zahl von Kindern in die Grundschule gehen wird, ohne jemals eine Kita besucht zu haben. Betroffen sind vor allem Kinder mit Migrationshintergrund: Obwohl ihre Zahl insgesamt gestiegen ist, nehmen sie seltener an Angeboten der frühkindlichen Bildung teil. Während aber der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund an den betreuten Kindern gesunken ist, ist der Anteil der Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache interessanterweise gestiegen. Es scheint also zunehmend Kinder in Zuwandererfamilien der dritten oder vierten Generation zu geben, deren Eltern keine Zuwanderungsgeschichte mehr haben, die aber in der Familie noch immer kein Deutsch sprechen. Die Bedeutung von Sprachbildung ist also insgesamt gewachsen. Die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen unterstreichen das noch einmal: 40 % der Kinder haben Sprachdefizite, wenn sie in die Grundschule kommen. Besonders betroffen sind Kinder aus sogenannten bildungsfernen Haushalten. 

Sprache ist ein zentraler Baustein für Bildungserfolg. Ein Kind ohne ausreichende Sprachkompetenz wird dem Unterricht nur schwer folgen können. Je früher man sprachliche Defizite angeht, desto besser. Leider gibt es Anzeichen, dass sich der positive Effekt einer längeren Kita-Zeit auf den Kompetenzerwerb und somit die Schulreife, insbesondere für Kinder mit großem sozialem Rucksack, abgeschwächt hat. Wir nehmen an, dass dies auch auf den Fachkräftemangel in Kitas zurückzuführen ist, der weniger Zeit für Sprachbildung und individuelle Förderung lässt. Auch Betreuungskosten können indirekt eine Rolle spielen, wenn hohe Beiträge einem Kita-Besuch entgegenstehen. Wir konnten zeigen: In Kommunen, in denen einkommensschwache Haushalte relativ hohe Betreuungskosten stemmen müssen, fällt die Bildungsbeteiligung tendenziell geringer aus. Bei vermögenden Haushalten ist das nicht so. Insgesamt fallen die Kostenstrukturen aber im Ruhrgebiet je nach Kommune sehr unterschiedlich aus. Das gilt auch für die OGS-Kosten. In einigen Kommunen sind einkommensschwache Haushalte freigestellt, in anderen müssen sie relativ hohe Beiträge zahlen.
 

Und wie steht es um den schulischen Bereich?

Wir können im Gespräch ja nur auf einige Aspekte eingehen. Wenn wir bspw. auf die VERA-Daten (Anmerkung der Redaktion: Vergleichsarbeiten in NRW in Klasse 3 und 8, die fachspezifische Kompetenzen der Schüler:innen überprüfen) blicken, dann fällt auf: ungefähr ein Drittel der Kinder in Klasse 3 erfüllen die Mindestanforderungen im Lesen nicht. Das ist wohlgemerkt ein Mittelwert. Auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte reicht die Spanne von 24 % bis zu 47 % und wird je nach Lage der Schulen noch stärker variieren. Die Ergebnisse für die mathematische Bildung zeigen, dass der Anteil der Drittklässler:innen, die den Mindeststandard im Primarbereich verfehlen, im Bereich Zahlen und Operationen bei 36 % und im Bereich Größen und Messen bei 30 % liegt. Dies kann z. T. auch mit nicht ausreichender Sprachkompetenzen beim Eintritt in die Grundschule zusammenhängen. Hinzu kommt: In den vier Jahren seit dem letzten Bericht ist die Zahl der Grundschüler:innen um 10 % gewachsen, während sich die Zahl der Grundschulen kaum verändert hat. Die bestehenden Grundschulen platzen daher aus allen Nähten, in 45 % der Grundschulen ist der Klassenfrequenzrichtwert überschritten. 2018 waren es noch 32 %. Mit Blick auf die Grundschule hat man derzeit weder genügend Fachpersonal noch ausreichend Räumlichkeiten und das sind keine guten Rahmenbedingungen für gelingende Bildung.

Die Vera-Daten für die weiterführende Schule sind für Deutsch, Mathematik und Englisch eigentlich noch einmal alarmierender. Zum Beispiel verfehlen 85 % der Schüler:innen, die den erweiterten ersten Schulabschluss anstreben, im Bereich Sprache die Mindestanforderungen. Das trägt sicher auch zur Erklärung einiger Phänomene auf dem Ausbildungsmarkt bei.


Viele Kommunen beobachten derzeit einen plötzlichen Anstieg des sonderpädagogischen Förderbedarfs. Wie bildet sich dieser im Bildungsbericht ab?

Das ist ein komplexes Thema, das im aktuellen Bericht einen größeren Raum einnimmt als 2020. Ziel der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ab 2015 war es, mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Regelschulsystem zu beschulen und das Förderschulsystem zurückzufahren. Dieses Ziel wurde verfehlt. Denn obwohl recht schnell Inklusionsanteile von 53 % bis 54 % erreicht wurden und die Zahl der Förderschulen von 178 auf 127 zurückging, stagnieren die Inklusionsanteile seither. Und aufgrund sowohl steigender Schüler:innenzahlen als auch steigender Förderquoten gibt es mittlerweile mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Förderschulen UND im Regelschulsystem als 2015.

Die Entwicklung der Förderquoten variiert dabei stark zwischen den Kommunen. Auffällig ist aber, dass der Anstieg der Förderquoten insgesamt vor allem im Bereich der Lern- und Entwicklungsstörungen und dort ausschließlich auf die Entwicklung im Förderschwerpunkt Lernen zurückzuführen ist. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und hier vor allem Jungen sind betroffen. Dies kann darauf hindeuten, dass Integrationsdefizite auf Kosten der Kinder und Jugendlichen über Inklusionsmaßnahmen kompensiert werden. Wir müssen dringend untersuchen, wie Diagnostik und Unterstützung hier verbessert werden können. Der Kreis Recklinghausen zum Beispiel hat hierzu bereits erste Ansätze erarbeitet.
 

Wo könnte man ansetzen, welche Rahmenbedingungen könnte man verändern?

Damit Kinder zum Beispiel von frühkindlicher Bildung wieder stärker profitieren, ist zunächst einmal der Ausbau der Sprachbildung auf der Basis verbindlicher Curricula wichtig. Es braucht zudem weitere Maßnahmen und Konzepte, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Als Schlagwort sei hier z.B. die Einbindung des Personals in multiprofessionellen Teams genannt. Beim Ausbau der Strukturen darf aber natürlich die Qualitätssicherung nicht auf der Strecke bleiben – sicherlich ein schwieriger Spagat. Auch die Entlastung einkommensschwacher Haushalte bei den Betreuungskosten wäre noch einmal ein Punkt, wo man ran könnte, um die Bildungsbeteiligung zu erhöhen. Einige Kommunen sind diesen Weg schon gegangen. Bei den aktuellen engen finanziellen Rahmenbedingungen ist das aber vielleicht nicht jeder Kommune möglich. Hier könnte das Land vielleicht unterstützen. Im schulischen Bereich steht natürlich die Sicherung der Basiskompetenzen im Vordergrund. Mit Blick auf den Lehrkräftemangel und unter den aktuellen Bedingungen im frühkindlichen Bereich ist das natürlich eine große Herausforderung. Hier braucht es jetzt eine umfassende Auseinandersetzung auf Landes-, regionaler und kommunaler Ebene. Das Startchancenprogramm enthält bereits viele wichtige Ansatzpunkte. Letztlich muss man auch grundsätzlich sagen, der Bildungsbereich ist unterfinanziert. Wir geben viel zu wenig Geld für Bildung aus und im Ruhrgebiet kommt hinzu, dass die Kommunen sehr geringe finanzielle Spielräume haben. Nur, es muss uns allen auch klar sein, dass je weniger wir in Bildung investieren, desto höher werden später die Auswirkungen auf u. a. Sozialabgaben, auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt und auf unser gesellschaftliches Miteinander sein.

Hinzu kommt: Für drei Personen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, treten derzeit nur zwei Personen in das Berufsleben ein. Durch die demografische Entwicklung fehlt uns im Grunde ein Drittel der Menschen für den Arbeitsmarkt. Das können wir nur durch qualifizierte Menschen und eine höhere Produktivität ausgleichen. Bildung ist in diesem Kontext das A und O beziehungsweise einer der zentralsten Schlüssel für die Zukunft des Ruhrgebiets. Das dürfen wir nicht vermasseln. Alles, was wir tun, tun wir für die Zukunft dieser Region.


Inwieweit könnte auch das Startchancen-Programm des BMBF helfen, diese Herausforderungen anzugehen?

Das Startchancen-Programm setzt genau dort an, wo zusätzliche Unterstützung im Schulsystem derzeit am dringendsten gebraucht wird. Wie ich bereits skizziert habe, ist das Ruhrgebiet keine einheitliche Region. Die verfügbaren Bildungsdaten für den Bericht sind zudem oft nur Durchschnittswerte und nicht schulscharf, sodass sie nicht immer die tatsächlichen Bedingungen der Schulen in sozial schwierigen Lagen widerspiegeln. Aber wir können davon ausgehen, dass in diesen Quartieren die Herausforderungen und die Kompetenzmängel in der Regel deutlich größer ausfallen als es der Mittelwert erscheinen lässt. In NRW werden die unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit der Schulen durch den schulscharfen Sozialindex erfasst; je schwieriger die Rahmenbedingungen, desto höher der Sozialindex. Genau die Schulen mit hohem Sozialindex – oder anders gesagt: mit besonderem Unterstützungsbedarf - werden nun gezielter durch das Startchancen-Programm gefördert. Damit folgt die Förderung dem Prinzip „Ungleiches ungleich behandeln“, das ist ein sehr sinnvoller Ansatz. Das Ruhrgebiet profitiert davon besonders, da es mehr dieser Schulen als andere Regionen in NRW hat. Von den derzeit ausgewählten 916 Schulen liegen 381 allein im Ruhrgebiet. Das bedeutet erhebliche zusätzliche Mittel für diese Region. Meine Erwartung wäre es, dass der Erfolg des Startchancen-Programms bedeutet, dass sich ein Zuwachs bei den Basiskompetenzen der Schüler:innen sowohl in der Grundschule als auch in der weiterführenden Schule in Daten wie den VERA-Ergebnissen klar erkennen lässt.


Der Bericht ist seit Dezember 2024 veröffentlicht. Was geschieht jetzt konkret mit dem Bericht und den Ergebnissen und was sind Ihre weiteren Erwartungen an den Prozess? Was würden Sie sich wünschen?

Wir haben unterschiedliche Ansätze, um die Ergebnisse publik zu machen und mit zentralen Akteuren zu besprechen und arbeiten dabei sehr eng mit dem Regionalverband Ruhr zusammen: Zunächst einmal stellen wir den Bericht auf Einladung zum Beispiel in den kommunalen Bildungsausschüssen oder anderen Gremien vor. Wir werden auch durch Fraktionen in den Kommunen oder im Landtag angefragt. Zudem wird es im Rahmen des Bildungsforums Ruhr des RVR eine größere Veranstaltung geben und derzeit arbeiten wir an einem Konzept für eine digitale Veranstaltungsreihe sowie an einem kleinen Beitrag für ein Fachmagazin.

Der Bericht verweist auf die Wichtigkeit der Vernetzung und Kooperation, da würde ich mir zum Beispiel wünschen, dass es noch stärker zu einer sektorenübergreifenden Kooperation, zum Beispiel zwischen Hochschulen und Kommunen oder Hochschulen und bestimmten Schulformen wie etwa den Berufskollegs – die eine immer zentralere Rolle einnehmen – käme. Auch so ein Interview gehört dazu, die Ergebnisse und den Bericht publik zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

 

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